
Am 12. September 2026 erinnerte Karin Leberwurst zum "Tag der Begegnung" an die langjährige Zeizeugin Margot Jann. Der Text gibt ihre Rede an diesem Tag wieder:
Am 24.Juli 2026 ist Margot Jann kurz vor ihrem 100. Geburtstag verstorben. An sie will ich heute hier an diesem Ort erinnern, ihre Lebensleistung würdigen. Sie war eine von uns, von uns ehemaligen Hoheneckerinnen. Mit ihr verlieren wir eine ganz besondere Zeitzeugin. Sie kam schon 1950 hierher nach Hoheneck, in das größte Frauengefängnis der DDR, nachdem sie bereits sowjetische Speziallager überlebt hatte.
Margot Jann, geb. Senf wurde am 2. September 1926 in Großröhrsdorf, einer Kleinstadt in der Nähe von Dresden, geboren. Sie war das einzige Kind und hatte eine liebevolle, behütete Kindheit. Nach Ende der Schulzeit machte sie eine Lehre als Bankkauffrau und begann zu arbeiten.
Kurz vor Kriegsende im April 1945 finden noch schwere Kämpfe mit wechselnden Fronten und mit Massakern auf beiden Seiten in und um Großröhrsdorf statt. Diese Geschehnisse durchlebt Margot Jann.
Damit beginnt für sie eine ungewisse Zeit und ihre Freunde werden für sie besonders wichtig. Jugendliche suchen Orientierung, erst recht in dieser verstörenden Nachkriegszeit. Sie und ihre Freunde diskutieren viel und zeigen ihre Verbundenheit durch eine selbstgebastelte Anstecknadel. Als sie eine Jugendliche zu einer Geburtstagsfeier wegen ihrer Nähe zu den russischen Soldaten nicht einladen, denunziert diese die 5 Jugendlichen bei den Russen. Ihre drei Freunde werden zuerst geholt, dann Margot mit ihrer Freundin. Die Anstecknadel gilt als Beweis, eine faschistische Organisation gegründet zu haben.
Es beginnt ein Leidensweg mit Verhören und falschen Anschuldigungen, den sie ohne jeglichen Beistand, ohne Besuche der Eltern, ohne Anwalt durchstehen müssen. Die Jugendlichen sind einfach weg, verschwunden wie so viele in dieser Zeit. Sie müssen russische Protokolle unterschreiben, die sie nicht verstehen. Ein Sowjetisches Militärtribunal verurteilt die fünf Jugendlichen, damals 18 und 19 Jahre alt, am 22. Dezember 1945 zum Tode. Zusammen mit ihrer Freundin ist Margot Jann unter furchtbaren Haftbedingungen untergebracht. Sie werden verlegt, bleiben aber zusammen und geben einander Halt. Im Januar 1946 wird ihre Freundin Brunhild aufgerufen und herausgeholt. Sie gehen davon aus, dass Margot ihr gleich folgen wird. Das passiert aber nicht. Brunhild Gebler und einer der Jungen, Günther Plachta, werden hingerichtet. Margot Jann und zwei der Freunde werden schließlich zu 10 Jahren Arbeitslager begnadigt. Das wird Margot ihr gesamtes Leben belasten: Sie hat sich von Brunhild nicht verabschieden können!
Margot Jann wird erst in das Sowjetischen Speziallager Bautzen und danach nach Sachsenhausen gebracht. Nach Gründung der DDR werden diese Lager aufgelöst und Margot Jann kommt im Februar 1950 mit dem großen Transport aus Sachsenhausen mit über 1.100 Frauen und 30 Kindern in das Frauengefängnis Hoheneck. Sie werden den Deutschen übergeben. Die dadurch erhoffte Verbesserung ihrer Haft erfüllt sich jedoch nicht.
Genauso unerwartet wie ihre Verhaftung erfolgt nach 5 Jahren Haft ihre Freilassung im Herbst 1950. Margot Jann kehrt nach Großröhrsdorf zurück. Sie bleibt ihrer Heimat verbunden, bleibt in der DDR, bei ihren Eltern und muss über ihre Erlebnisse schweigen.
Als fast 40 Jahre später die Mauer fällt, ist das ihre Stunde: Endlich kann sie zu den großen Treffen der Haftkameradinnen im Odenwald bei Maria Stein fahren. Schon 1991 gründen sie den Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen, dessen Vorsitzende Margot Jann später wird. Zusammen mit Maria Stein suchen und finden sie hier im Gefängnis die Urnen der verstorbenen Mithäftlinge. Da das Gefängnis noch bis ins Jahr 2001 weiter genutzt wird, errichten sie in der Stadtbibliothek von Stollberg eine Ausstellung zu den Geschehnissen in Hoheneck. Als Zeitzeugin dokumentiert Margot Jann schon damals in der Ausstellung das Schicksal ihres Freundeskreises. Margot Jann und ehemalige Hoheneckerinnen sammeln Geld für einen Gedenkstein, der erst an der Straße und heute im Eingangsbereich in Hoheneck steht.
Am 18. Januar 1996 - 50 Jahre nach ihrer Verurteilung - werden Margot Jann und ihre gesamte Gruppe von der Hauptmilitäranwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitiert.
Nachdem 2001 das Gefängnis endlich geschlossen wird, wird der Ruf nach einer Gedenkstätte immer lauter. Wo immer es möglich ist, erhebt Margot Jann ihre Stimme. Es ist ein langer, schwerer Kampf gegen das Vergessen und für eine Gedenkstätte an diesem Ort.
2008 wird Margot Jann das Bundesverdienstkreuz verliehen und als der damalige Bundespräsident Christian Wulff 2011 nach Hoheneck kommt, hält sie als Ehrenvorsitzende des Frauenkreises der ehemaligen Hoheneckerinnen die Festrede.
2019 wird sie Mitglied im neu gegründeten „Forum für politisch verfolgte und inhaftierte Frauen in der SBZ/SED-Diktatur e. V.“ und reicht damit ihre Hand der nächsten Generation ehemaliger politisch verfolgter Frauen.
Sie begleitet noch den Aufbau der Gedenkstätte und hat die Gewissheit, dass dieses ihr so wichtige Ziel erreicht ist.
Unsere Bewunderung und unser Dank gilt der Lebensleistung dieser zierlichen, freundlichen Frau, die sich nie in den Vordergrund gestellt hat. Der es immer um die Sache, um das Erinnern an das begangene Unrecht in den sowjetischen Speziallagern und im Frauengefängnis Hoheneck ging.
Wir werden Margot Jann in lieber Erinnerung behalten. Sie wird uns ehemaligen Hoheneckerinnen Ansporn und ein Vorbild sein, unsere Stimme als Zeitzeuginnen gegen das Vergessen und Verharmlosen zu erheben.
Text: Karin Leberwurst
Bild: Margot Jann. Archiv LASD Sachsen, Ralf Marten